Skinny Norris und Sein erster Fall

Vorwort

Skinny Norris taucht (vor allem in den frühen Folgen der Serie) hin und wieder als Counterpart zu den drei jungen Hobbydetektiven auf und übernimmt dabei die Funktion eines Faust'schen Mephisto - "Ich bin der Geist, der stets verneint, der Böses will und Gutes meint". Man kennt das ja.
Leider haben es die Autoren der ???-Reihe stets versäumt, dem Charakter dieses faszinierenden Schurken eine Eigenständigkeit zu verleihen. Er tritt nur in Interaktion mit den drei Protagonisten auf und die Motive seiner zumeist destruktiven Handlungen bleiben grundsätzlich im Dunkeln. Diese kleine Geschichte stellt einen Versuch dar, der Figur des moriartyesken "ewigen, bösen Erzrivalen" Leben einzuhauchen.
Wie wir sogleich (und Skinny später vielleicht auch) bemerken werden, sind die Begriffe "gut" und "böse" keineswegs wie physikalische Messgrößen von absolutem Charakter, vielmehr beruhen sie auf höchst subjektiven Einschätzungen des Beobachters im Vergleich zu seinen eigenen Moralvorstellungen und denen einiger vertrauter realer oder fiktiver Personen, wobei die Handlungsweise des gesamten menschlichen Kollektivs quasi als Inertialsystem für die Bewertung fungiert, indem es eine Art "universeller Moral" definiert. Soll heißen: ob jemand böse ist, bestimme ich und es gibt immer noch jemanden, der noch böser ist.

 

Sein erster Fall

Schäbig, dachte er, ja schäbig, das ist es wirklich. Doch es hat Methode und vielleicht sogar Stil, tröstete er sich. Er erhob sich aus seinem ramponierten Schreibtischsessel und stakte durch das düstere Zimmer, das nur von einer nackten, einsam an der Decke baumelnden Glühbirne und vom gedämpften Schein des Tageslichtes, welches sich mühsam durch das staubverschmierte Fenster hereinquälte, ein wenig illuminiert wurde.

Er baute sich vor dem großen Spiegel auf, der in der Ecke neben dem Fenster stand, fingerte eine Schokoladenzigarette aus der Brusttasche seines speckigen Hemdes und posierte mit einem coolen Grinsen herum. Marketing, dachte er, alles ist nur eine Frage des Marketing. Er schaute zufällig zum abgesehen von einem antiken Telefon und einer fingerdicken Staubschicht völlig leeren Schreibtisch hinüber, mochte ihn jedoch nicht fixieren, stattdessen wanderte sein Blick gelangweilt weiter zu dem hölzernen Hutständer, an dem ein schweißfleckiger Hut und ein ausgeleiertes Jacket mit abgewetzten Ärmelschonern hingen. Das war es also, sein Büro. Schäbig, dachte er, wie es sein soll. Alles eine Frage des Marketing.

Das war vorerst genug Bewegung, sagte er sich, und durchschritt das Büro, um wieder hinter seinem Schreibtisch Platz zu nehmen, seine Unterschenkel samt Cowboystiefeln lässig auf dessen Platte platzierend. Er sah zur Eingangstür, deren Rauchglas derart vergilbt war, dass es das Flurlicht kaum zu durchdringen vermochte. Mit Mühe entzifferte er die Inschrift, die auf dem oberen Drittel der Glastür prangte:

sirroN ynnikS
!
vitketedtavirP
llaF nedej esöl hcI

Genau so, und dennoch völlig anders, stand es auch auf seiner Visitenkarte. Er öffnete die obere linke Schreibtischlade und produzierte ein zerknittertes Stück Pappe, auf dem stand:

Die drei Detektive
???
Wir übernehmen jeden Fall

Erster Detektiv: Justus Jonas
Zweiter Detektiv: Peter Shaw
Recherchen & Archiv: Bob Andrews

Meine ist besser, entschied er nach mehrmaliger Betrachtung der Karte seiner Erzfeinde. Ein Ausrufezeichen schlägt jede beliebige Anzahl von Fragezeichen, wenn es darum geht, seiner Klientel gegenüber feste Entschlossenheit und unbedingtes Vertrauen zu demonstrieren. Marketing, dachte er. Skinner war ein Mann der Tat und beileibe keine Leseratte. Er hatte in seinem Leben überhaupt nur drei Bücher gelesen. Eines davon war Charles Napster's "So wird man Millionär in 3 Jahren" und deshalb wusste er um die Bedeutung eines guten Marketingkonzeptes. Fragezeichen als Firmenlogo, welch ein Hohn.

Nun brauche ich nur noch meinen ersten Fall, dachte er. Dies war bereits der dritte Tag, an dem er untätig wartend in seinem neuen Büro herumhing. Er starrte auf das Telefon. Es würde nicht klingeln, das ahnte er wohl. Als er den Anschluss in der vergangenen Woche beantragt hatte, waren die neuen Telefonbücher gerade druckfrisch in Umlauf gebracht worden. Doch er hatte kein weiteres Jahr warten wollen, um sich selbständig zu machen. Der Aushilfsjob bei Mario's hing ihm zum Halse heraus und brachte nicht einmal genug ein, um den Durst seines blauen Sportwagens löschen zu können. Das Schicksal hat es nicht immer gut mit mir gemeint, dachte Skinner. Besonders seit Daddy mir nach dieser Geschichte mit den Álvaros den Geldhahn zugedreht hat. Dabei hatte ich es nur für ihn getan und durfte am Ende noch froh sein, dass ich nicht in den Bau gewandert bin, weil ich Cody die Sache in die Schuhe schieben konnte. Ich wollte nur Daddy's Liebe und Anerkennung gewinnen, schließlich hielt er mich schon immer für einen Versager. Und stattdessen? Undank ist der Welt Lohn. Seit Anbeginn meines Lebens hatte ich unter meinem despotischen Vater zu leiden, nie konnte ich es ihm recht machen. "Hey Partner, ich habe dir verboten, mit Barbiepuppen zu spielen!" "Hey Partner, echte Cowboys tragen Jeans und keine Strumpfhosen!" "Nein, Partner, du bekommst kein Meerschweinchen, ein richtiger Junge braucht einen Pitbull an seiner Seite!" Ich hoffe, das herzlose alte Schwein krepiert bald, dann bekomme ich wenigstens die Ranch. Skinner grinste hämisch.

Er sah auf die Uhr. In einer Stunde muss ich los, wusste er. Zu Mario's Eispalast, mich in diese kitschige Uniform schälen und mich von dummen, hässlichen, pickelgesichtigen Teeniegirls herumschikanieren lassen. Und kein Tropfen im Tank. Musste alle Kaugummiautomaten von Rocky Beach knacken, um die Kaution für das Büro aufzubringen. Habe mir ein Fahrrad geklaut, drüben an der Ecke stand es einsam und abholbereit. Ein 16 Zoll Babyfahrrad, hellrosa. Wie demütigend, damit zur Arbeit zu fahren. Aber es war das einzige, das nicht abgeschlossen war. O.k., ich mag den knuffigen Teddybären, der am Lenker festgeschnallt ist. Der Rahmen aber ist so niedrig, dass mir nach einer halben Meile Strampeln schon die Knie weh tun. Meinem Image ist das ganze auch nicht förderlich. Denn ich bin groß und von imposanter Statur, was sich marketingstrategisch gut anlässt.

Eines der drei Bücher, die Skinner in seinem Leben gelesen hatte, war "Der große Schlaf" von Raymond Chandler. Er hatte es einst "zufällig" in einer Handtasche "gefunden". Die Story hatte ihn nicht unbedingt fasziniert - sie war auch sehr verwirrend - wohl aber die Gestalt des Phillip Marlowe. Groß gewachsen und schäbig. Das schienen die beiden wichtigsten Attribute für einen erfolgreichen Detektiv zu sein und die galt es zu akquirieren. Später strich er das "groß gewachsen" aus seiner Liste, nachdem er einmal die Verfilmung mit Humphrey Bogart in der Hauptrolle gesehen hatte. Offenbar genügte es vollkommen, schäbig zu sein, um die Herzen der Puppen im Sturm zu erobern.

Marketing. Er griff noch einmal in die Schublade seines Schreibtisches und holte eine weitere Visitenkarte hervor. Schon vor einiger Zeit hatte Skinner sich die Made mit dem eigenen Detektivbüro ins Gehirn gepflanzt. Ebenso wie diese widerlichen drei Satzzeichen hatte er vom damaligen Polizeichef der Stadt eine Promotionkarte verlangt, die ihm jener Schelm auch pronto zukommen ließ. Darauf stand geschrieben:

Gegen den Inhaber dieses Ausweises wird wegen krimineller Umtriebe in 23 Fällen ermittelt.
Halten Sie bitte Ihre Brieftasche fest und lassen Sie Ihren Wagen nicht aus den Augen.

gez. Samuel Reynolds
Polizeichef von Rocky Beach

Auch schlechte Werbung ist gute Werbung, glaubte Skinner zu wissen. Es kommt nur darauf an, wem man die Karte unter die Nase reibt. Häha...
Mein erster Fall, dachte er wieder und begann zu schwelgen. Es muss ja keiner von der kniffligen Sorte sein. Ein bisschen im Auto rumsitzen, Erdnüsse kauen und warten, das was passiert. Dann - klick klack - ein dreckiges kleines Foto zur rechten Zeit und weg... Ruhm und Geld... als erstes stelle ich eine kleine Sekretärin ein. Jung und sexy, schlank mit zwei Meter langen Beinen und Kurven bis zum Mond und zurück... ich würde sie nur anfangs bezahlen müssen, bis sie meinem Charme vollkommen erlegen ist... dann wird sie betteln, umsonst für mich arbeiten zu dürfen. Ich werde mit ihr herumshakern, um sie bei Laune zu halten... doch nie werde ich etwas mit ihr anfangen... das wäre meinen Klientinnen gegenüber nicht fair. Nicht Revolver töten, sondern die Liebe... ach, die Liebe... ach, Daddy, du verdammtes Arschloch!

Seine Waden waren mittlerweile taub geworden und er entschied, dass ein erneuter Gang zum Spiegel angezeigt sei. Dort angekommen betrachtete er seine Krawatte. Irgendetwas störte ihn an dieser. Natürlich, sie hängt viel zu ordentlich, perfekt wie ein Senklot und sie macht nicht die geringsten Anstalten, schäbig zu wirken, dachte er und korrigierte sobald ihren Sitz und öffnete bei der Gelegenheit gleich noch den obersten Knopf seines zerknitterten Hemdes. Perlen vor die Säue, sagte er sich, alles für die Katz, wenn ums Verrecken niemand zur Tür hereinkommen will.

Deprimiert tat er zwei Schritte nach links und baute sich vor dem Fenster auf. Draußen hatte es zu regnen begonnen und die dicken Tropfen schickten sich an, die verrußte Scheibe zumindest von außen zu säubern. Er blickte zur Straße hinunter. Schräg gegenüber, auf der anderen Seite, keine dreißig Meter von ihm entfernt, begann das Feindesland. Ein zwei Meter hoher Drahtzaun dräute vor dem Gelände des "Gebrauchtwarencenters Titus Jonas". Dort, tief hinter den feindlichen Linien lauerte das Hauptquartier seiner drei Leib-und Magenfeinde in Gestalt eines schäbigen Wohnwagens. Schäbig, dachte Skinner, der Kreis schließt sich. Euch elenden Schleimbeuteln werde ich es heimzahlen.

Er hatte die Karriere der drei Fragezeichen penibel - wenn auch gewiss nicht wohlwollend - verfolgt. Es gab keinen Zeitungsauschnitt, in dem über sie und ihre Fälle berichtet worden war, den er nicht gesammelt hatte. Die Berichte hatte er akribisch mit eigener Schrift nachkommentiert. Da las man überall neben den Kolonnen Worte wie "pures Glück" oder "da wäre jeder Dorftrottel draufgekommen". Und auf den Fotos hatte er den dreien mit einem Kugelschreiber allerlei Narben, Teufelshörner, Hitlerbärte und schwarze Zähne angezeichnet. Hass war wohl ein viel zu schwaches Wort für das, was er für die drei empfand. Das Wort klingt einfach nicht pathologisch genug.

Das tragischste an der ganzen Geschichte war für ihn die Tatsache, dass diese drei Schwachköpfe einen guten Teil ihres Ruhmes ihm - Skinner Norris - verdankten. Hätte er damals nicht diesen englischen Pinkelschnösel auf sie gehetzt, hätten sie niemals diesen verstaubten Indianerschatz gefunden. Hätte er die drei nicht auf diese verfluchte Toteninsel gelockt - natürlich in der guten Absicht, sie für immer los zu sein - würden eben diese drei jetzt nicht auf allen sechs Kontinenten in einem Atemzug mit James Bond genannt.

Aber er würde es ihnen zeigen, dafür brauchte er nur eines: seinen ersten Fall. Vor seinem geistigen Auge sah er sie eintreten, seine Klientin der Marke Klassefrau, mit der Figur seiner Sekretärin, jedoch ohne dieses ordinäre Zickengehabe und Kaugummigekaue. Mit Geld und Stil, selbstbewusst im Leben stehend und doch auf gewisse Weise ach so hilflos und schutzbedürftig. Was es auszunutzen galt. Er würde sie auf eine schäbige Art umgarnen, den Fall mit links lösen und mit ihr in die Kiste hüpfen. Das wäre nicht nur marketingtechnisch ein ungeheurer Durchbruch für ihn. Schließlich war er noch Jungfrau, ein Faktum, das in seinem Alter heutzutage doch ziemlich peinlich war. Wahrscheinlich macht es gar keinen Spaß, dachte er sich, und die ganze Sache wird von den Medien nur hemmungslos hochgespielt. Aber so hätte ich wenigstens Gewissheit!

Da klopfte es an der Tur! Instinktiv rotierte Skinner um einhundertachzig Grad und blickte zur Glasscheibe hinüber, auf der sich schwach ein kleiner, keine drei Fuß hoher Schatten gegen das trübe Licht der Korridorlampe abzeichnete. Adrenalin schoss durch seine Adern. Sofort hechtete er zum Schreibtisch und nahm seine vieltrainierte Pose ein. "Ja?", versuchte er möglichst lässig zu rufen.
Etwas zupfte vergeblich an der Türklinke. Das scheint mir ein Zwerg zu sein, dachte Skinner. Fein. Einem Zwerg kann man wenigstens ungestraft die Fresse polieren, wenn er nicht anständig zahlt. Hähä...

Noch ein Zupfen, dann ein Klacken und langsam schwang die Tür auf. Der Zwerg entpuppte sich zu Skinners Überraschung als kleines blondes Mädchen, eingehüllt in einen roten Regenmantel. Bevor er irgendetwas sagen konnte, war die Kleine bereits eingetreten und hatte unter größter Kraftanstrengung die Tür wieder geschlossen. Sie watschelte zu seinem Schreibtisch, verschränkte ihre kurzen Ärmchen vor ihrem Regenmäntelchen und richtete das Wort an ihn:

"Bist du der Tetektiv?"

"Was willst Du, Kurze? Ich hab' keine Zeit, hau ab!", brummelte Skinner verdutzt.

"Du musst Lulu finden!"

"Dein Drecksköter interessiert mich einen Scheiß! Verschwinde!"

"Aber ich hab' Geld!"

"So?" Skinner wurde hellhörig. Umständlich fingerte die Kleine eine Münze aus ihrer Hosentasche und legte sie mit einem Hüpfer auf den Schreibtisch. Skinner nahm die Münze an sich. Es waren zehn Cent.

"Danke, und jetzt scher Dich zum Teufel, du kleine Mistkröte!"

"Aber du musst Lulu finden!"

"Ich geb' dir gleich was hinter die Löffel. Verpiss dich!"

Die Kleine war jetzt sichtlich verstört. In diesem Augenblick klopfte es erneut an der Tür.

"Ähm, ja?"

Eine Frau trat ein. Skinner stockte der Atem. Sie war von großer, schlanker Statur. Ihr porzellanpüppchenhaftes Gesicht wurde von langem, wallendem schwarzem Haar umsäumt. Unter ihrem offenen Regencape lugten zwei unendlich lange Beine hervor, die in schwarzen Nylons verpackt an zarten Fesseln begannen und irgendwo unter einem schwarzen Röckchen endeten.

"Da bist du ja, Lisa!" hauchte sie der Kleinen zu.

Meine Gebete wurden erhört, dachte Skinner. Der Tag ist endlich gekommen, für den ich mich aufgespart habe. All diese Unbilden und Leiden, die Jahre voller Einsamkeit und Schmähungen. Fortgewischt. Diese Puppe riecht nach Geld!

"Entschuldigen Sie bitte meine Tochter, sie ist manchmal etwas...nassforsch. Ich hoffe, sie hat Ihnen keine Umstände bereitet."

"Aber ich bitte Sie, nicht der Rede wert. So ein liebenswerter kleiner Schatz!" Er sah lächelnd zu der Kleinen hinüber, die ihn mit ihrem grimmigen Blick zu töten suchte. Nur immer auf der Schleimspur bleiben, dachte Skinner. Und das gewisse schäbige Etwas nicht vergessen.

Die Unbekannte drehte ihren Kopf zur Tür und fragte "Sind Sie Mister sirroN ynnikS, der Privatdetektiv?"

"Ihr Sklave, Madam. Was kann ich für Sie tun?"

"Mein Name ist Veronica Mortgage. Meine Tochter Lisa hat etwas verloren und ich frage mich, ob Sie es wieder herbeischaffen können."

"Fragen sie nicht sich, fragen Sie mich, hähä. Darf ich jedoch zunächst erfahren, wer mich Ihnen empfohlen hat?"

"Das war mein Hausmädchen. Sie macht auch in diesem... hm... Gebäude sauber und erzählte mir, dass es hier neuerdings eine Privatdetektei gebe. Wenn ich mich in Ihrem Büro so recht umsehe, glaube ich, dass sie wohl nur den Flur putzt", antwortete sie, nicht ohne ihr makelloses Näschen kurz zu rümpfen.

Es ist nun wohl an der Zeit, der Schwalbe ein wenig den Wind aus den Segeln zu nehmen, sagte sich Skinner. "Tja, Puppe, ich komm' grade aus L.A. rüber, der guten Luft wegen, weißte. Nicht so bleihaltig hier, ya comprendes. Hatte noch keine Zeit zum Schrubben. Hübsches Fahrgestell haste da. Also, Schnuckelmaus, wo brennt denn der flauschige Pelz? Eins verklicker ich dir ad hoc: Köter namens Lulu in irgendwelchen maroden Parks auszubuddeln ist unter meinem Niveau, verstehste?"

"Ihre direkte Art gefällt mir, ist irgendwie erfrischend", konterte sie. "Eigentlich ist Lulu ein Teddybär, der wiederum am Lenker von Lisas Fahrrad festgebunden ist. Das wurde vor drei Tagen offenbar gestohlen. Es ist ein rosa Kinderfahrrad. Finden Sie das Rad und Sie finden Lulu und alle sind glücklich."

"Äh, sie meinen, ein Fahrrad? Mit einem Teddybären dran?" Das lässt sich erstaunlich gut an, dachte Skinner. Jetzt kommt mein wichtigster Satz.

"Ich bekomme 100 Dollar pro Tag plus Spesen. Ermittlungen bei Fahrraddiebstahl sind eine knifflige Sache. Und nicht ungefährlich. Ich sage nur: organisiertes Verbrechen! Möglicherweise ist das Vehikel schon auf dem Weg zur Ostküste. Aber wenn ich Sie mir so anschaue: Geld spielt bei Ihnen wohl keine Rolle. Hab' ich recht?"

"Also Kleiner, jetzt mach mal halblang. Hältst du mich für blöde? In zwei Wochen kommst du an und präsentierst mir eine Rechnung über 1400 Dollar plus jeder Menge Quittungen über Kinobesuche und den Kauf von Pickeltinktur. Für ein Kinderfahrrad, das keine 90 Kröten gekostet hat!"

"Aber Lulu stellt sicher einen hohen ideellen Wert für Lisa dar!"

Mrs. Mortgage kramte einen zerknitterten Schein aus ihrer Handtasche hervor und warf ihn verächtlich auf den Schreibtisch. "Fünf als Anzahlung und weitere fünf im Erfolgsfall!", sagte sie.

Skinny griff scheinbar gelangweilt nach dem Schein und drehte ihn in der Luft herum. "Also, ich weiß nicht. Ich bin doch kein Laufbursche!", entrüstete er sich.

"Hör zu, Jungchen, mein Mann bekleidet einen leitenden Posten bei der Kanzlei Sink & Waters. Er ist auf Scheidungsfälle spezialisiert. Eine schmutzige Sache kann das sein, so eine Scheidung. Sehr schmutzig sogar. Dagegen nimmt sich dieses Loch von einem Büro wie ein steriler Reinraum aus. Da geht's auch nicht immer legal zu, wenn du weißt, was ich meine. Da wird schon mal ein zuverlässiger Schnüffler gebraucht, der nachts durch die Gärten schleicht und - klick klack - ein schmutziges Foto und so weiter. Wär das was für dich, Pizzagesicht?"

"Betrachten Sie die Sache als erledigt, Madam." Skinner triumphierte.

"Gut, meine Nummer steht im Telefonbuch. Komm, Lisa, wir gehen!"

"Aber der fiese Onkel hat mein ganzes Geld weggenommen!", meldete sich die Kleine zu Wort.

"Süß, die Kleine, lustig und allerliebst! Ganz die Mamá!", strahlte Skinner mit seinem breitesten Lächeln, während die Kleine ihn weiterhin feindselig anstarrte.

Mrs. Mortgage schnappte sich ihre widerborstige Tochter bei der Hand und zog sie langsam zur Tür.

"Ich gebe dir eine Woche, Bürschchen, wenn Du die Kiste bis dahin nicht aufgetrieben hast, betrachte ich die ganze Angelegenheit als hinfällig. Schönen Tag!", keuchte sie, bevor sie samt Töchtling aus der Tür verschwand.

"Kein Problem, das schaffe ich hundertprozentig! Wiedersehen!", rief Skinner hinterher, in der einen Hand mit einem Zehncentstück und in der anderen mit einem Fünfdollarschein spielend.

Als Mrs. Mortgage mit der kleinen Lisa im Schlepptau den Flur in Richtung Treppenflucht durchschritt, hörte sie hinter sich ein schallendes Gelächter, immer wieder unterbrochen von Gebrabbel wie von einem Schwachsinnigen. Sie musste sich konzentrieren, um einige der Wortfetzen verstehen zu können. Sie schienen nicht viel Sinn zu ergeben:

"Mein erster Fall... warte Blauer, gleich schieb' ich dich zur Tanke... in fünf Minuten gelöst... leck mich, Mario, steck dir deine Kugeln sonst wo rein... der Fettsack und seine vertrottelten Lakaien hätten die ganzen Ferien dazu gebraucht... Daddy, hast du das gesehen? Zehn Dollar!!! Nur für's rumsitzen..."

Ich gebe zu, anfangs war ich skeptisch, dachte Veronica Mortgage. Doch dieser Junge ist auf eine merkwürdige Art und Weise äußerst gerissen, andererseits aber vollkommen neurotisch, geldgierig und bar jeglichen Charakters. Das ideale Werkzeug für unsere Zwecke. Wir werden uns wiedersehen, Skinny Norris. Mit einem verschwörerischen Grinsen auf den Lippen erreichte sie die frisch gewischte Treppe.


© Stefan Maday 18.1.2003